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Disruption im Wealth Management: Big Bang oder schleichender Prozess?

Von Dr. Norbert Paddags | 06.09.2018

Lesedauer: 4min

Disruption im Wealth Management: Big Bang oder schleichender Prozess?

Das im Wealth Management am heißesten diskutierte Thema ist die Frage, ob eine „Disruption“ – was immer auch das genau bedeutet – ansteht und wie diese die Branche verändern wird. Hierbei kann man den Eindruck gewinnen, dass mit „Disruption“ ein Ereignis, ein „Big Bang“, verbunden wird, in welchem die Branche quasi explodiert...

Dies liegt auch daran, dass in der Regel daran verkürzt über „Disruption“ diskutiert wird und nicht explizit das zugrundeliegende Konzept der „disruptive innovation“ Bezug genommen wird. Im Folgenden werden dieses Konzept der Disruption und der Stand im Wealth Management abgeglichen und die Frage beantwortet, welche strategischen Implikationen sich ergeben. 

Wie immer in Digital & Wealth klar getrennt in „Die Frage“, „Fakten“ und „Schluss-Folgerungen“.

 

„Die Frage“

Ist die Disruption im Wealth Management ein „Big Bang“ oder ein schleichender Prozess?



„Die Fakten“
  

Trends, die das Potential haben, die Wealth Management Branche grundlegend und nachhaltig zu verändern:

  • Asset Management / Anlageprodukte: Zunehmende Bedeutung von Index-basierten-Investmentansätzen (ETFs)
  • „Regulatorik“: Erhöhung der Kostentransparenz (MiFID 2) und Verschärfung des Wettbewerbs (PSD 2)
  • Kundenerwartungen: Zunehmende Online-Affinität insbesondere der „Erbengeneration“
  • Innovationen: Robo Advisor, Digitalisierung von Prozessen und digital unterstützte Beratung
  • Profitabilität: Rückgang von Brutto- und vor allem Nettomargen 

 

Nun zur Frage, wie „Disruption“ oder genauer „disruptive innovation“ definiert wird. Das Konzept wurde von Clayton Christensen, Professor an der Harvard Business School, schon in den 1990er u.a. in seinem Buch „The Innovator´s Dilemma“ ausführlich beschrieben. 

Definition der Disruption: „Technologiebasierte Innovationen führen in einem Disruptionsprozess zu einer grundlegenden Veränderung des Marktes durch Eintritt neuer Geschäftsmodelle und Marktteilnehmer.“

Dies bedeutet, dass es sich bei der Disruption um einen Prozess handelt, der u.a. von Christensen in einem kurzen und prägnanten Artikel „What is disruptive innovation?“ geschildert wird. Die Prozessdarstellung wird hier mit dem Beispiel Robo Advisors verbunden:

 

Prozess der Disruption am Beispiel Robo-Advisors

Schritt  

Generische Beschreibung

Beispiel Robo Advisors

#1    Unternehmen mit geringeren Ressourcen fordern etablierte Marktteilnehmer auf Basis neuer Technologien herausFähigkeit, kosteneffizient standardisierte Vermögensverwaltungen für Retailkunden anzubieten unter Umgehung klassischer Vermittler wie Banken / Vermögensverwalter
#2

Services / Produkte sind anfangs am unteren Ende des Leistungs-/Preisspektrums angesiedelt oder adressieren neue Marktsegmente oder Kundengruppen

Robo mit Vermögensverwaltung als Minimallösungen adressieren Kunden ab 5.000 EUR im Vergleich zu bisherigem Mindestvolumen von 300.000 EUR

#3

Produkte/Services werden kontinuierlich verbessert und entwickeln sich zum „Mainstream“

Ausweitung der Servicequalität in Richtung Hybridlösungen mit Telefon- / Video-Unterstützung und Gewinnen signifikanter Marktanteile

#4Im Ergebnis ist ein erfolgreicher Eintritt vollkommen neuer Marktteilnehmer, d. h. Disruption ist erfolgtEintritt von neuem Marktteilnehmern z.B. aus den USA, die Hybridmodelle zum Standard machen und einen massiven Preisverfall auslösen

 

„Schluss-Folgerungen“ 

Begreift man Disruption als Prozess, der in verschiedenen Phasen abläuft, hilft dies die konkrete Situation des eigenen Marktes in diesem zu verorten. Nimmt man wiederum, dass Beispiel Robo Adivsor in Deutschland wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese nur ca. 2 Mrd. Assets under Management haben (Extrafunds) und damit einen verschwindend kleinen Marktanteil von deutlich unter 1%. Bedeutet dies nun, dass die „Robos“ irrelevant sind? Nein, vielmehr kann man argumentieren, dass wir uns in Deutschland am Anfang des Disruptionsprozesses befinden – vermutlich zwischen Schritt 1 und 2. Andere Länder wie z.B. die USA sind Ihrer Entwicklung deutlich weiter fortgeschritten. Anbieter wie Betterment oder Wealthfront verwalteten schon Ende 2017 um die 10 Mrd. und Hybridanbieter wie Vanguard fast 100 Mrd. US-Dollar (Techfluence). D.h. hier ist der Disruptionsprozess je nach Perspektive schon bei Schritt 2 oder 3 angekommen. 

Der entscheidende Punkt für die Beurteilung der Disruption ist damit nicht, wie groß die Effekte im Augenblick sind, sondern wie Trends in der Zukunft wirken und diese Disruptionstreiber Skalierbarkeit, Disintermediation und massenhafte Individualisierung unterstützen. Oder um Bill Gates zu zitieren:  

„Wir überschätzen immer den Wandel in den nächsten zwei Jahren und unterschätzen den Wandel, der sich in den nächsten 10 Jahren vollziehen wird. Lassen Sie sich nicht zur Untätigkeit verleiten.” 

Dr Paddags Blog

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